Buchkritik: Eyal Winter: „Kluge Gefühle: Warum Angst, Wut und Liebe rationaler sind, als wir denken“

Es gibt zahlreiche Bücher zu Behavioral Finance/Economics. Die meisten befassen sich damit, wie man emotional-irrationales Verhalten vermeiden kann. Der Wirtschaftsprofessor Eyal Winter versucht dagegen zu zeigen, dass Gefühle rationaler sind als wir glauben und wie man sie sich bei Entscheidungen zunutze machen kann.

Quelle: Haaretz Newspaper, Fotograf: Emil Salman
Quelle: Haaretz Newspaper, Fotograf: Emil Salman

Emotionen greifen stärker in die Entscheidungsprozesse unserer Gehirne ein, als uns oftmals bewusst ist. Es entstehen sogenannte kognitive Verzerrungen in unserer Wahrnehmung, die zu irrationalen Handlungen führen können, die nicht immer zu unserem Besten ausfallen. Behavioral Finance/Economics – Verhaltensökonomie – beschäftigt sich mit diesen Verzerrungen und versucht Möglichkeiten zu finden, sie zu umgehen.

Ausgangspunkt ist dabei in der Regel unser Gehirn und seine Beschaffenheit. Es hat sich seit der Steinzeit nicht mehr verändert und ist auf die Bedürfnisse einer Jäger-und-Sammler-Gesellschaft angepasst. Gefühle wie Angst und Wut sind im Umgang mit wilden Tieren und während einfacher sozialer Interaktionen von Vorteil, wenn man überleben will. Für uns moderne Menschen kann Angst gerade bei alltäglichen Entscheidungen jedoch Nachteile mit sich bringen. Besonders deutlich wird das beispielsweise bei Panikreaktionen an den Finanzmärkten oder sogenannten „Banken-Runs“, bei denen Kunden plötzlich ihr gesamtes Vermögen von ihren Konten abziehen.

Solche irrationalen und häufig rein von Gefühlen geleiteten Aktionen können die Gesellschaft für mehrere Jahre und Jahrzehnte aus dem Gleichgewicht bringen. Doch wenn Emotionen für uns moderne Menschen offensichtlich Schaden anrichten können, warum hat die Evolution dann nicht dafür gesorgt, dass es sie nicht mehr gibt?

Rationale Emotionen

Eine Antwort versucht der Ökonom Eyal Winter in seinem Buch „Feeling Smart: Why our emotions are more rational than we think“*. Demnach folgen unsere Gefühle einer rationalen Logik. Mehr noch: Sie sind seiner Ansicht nach wichtig, um unsere Entscheidungsprozesse zu beschleunigen.

Winter, Wirtschaftsprofessor und Leiter des Center for the Study of Rationaliy an der Hebrew Universität in Jerusalem, Israel, beweist unter anderem anhand der Spieltheorie, dass emotionsgesteuertes Verhalten Vorteile bringt. Gerade in diesem Bereich sei Kooperation – das Zusammenarbeiten der beteiligten Spieler – von entscheidender Bedeutung, um einen Gewinn zu erzielen, so der Forscher.

Und Kooperation sei vor allem emotionsgetrieben. „[…] die Hauptmotivation für Zusammenarbeit bei Spielen nach dem Prinzip des „Gefangenendilemmas“ ist ein emotionales Verlangen nach Gegenseitigkeit (Reziprozität), so wie Schamgefühl bei offensichtlich gierigem Verhalten, während sich andere Personen großzügig zeigen oder aber Verärgert und Beleidigt sein bei gierigem Verhalten seitens anderer Menschen.“ (Winter, S. 37)

Kollektive Emotionen in der Gruppe

Für den Ökonomen ist die Kombination von rationalem Denken und Gefühlen der beste Weg, Entscheidungen zu treffen. Darin unterscheidet er sich deutlich von anderen Wissenschaftlern dieses Fachgebiets. Die meisten propagieren die Überwindung von emotionsgesteuertem Verhalten, um falsche Entscheidungen zu vermeiden. Winter aber hebt die wichtige Bedeutung von Gefühlen bei sozialem Verhalten hervor.

Der Wissenschaftler erklärt das unter anderem am Beispiel kollektiver Emotionen in sozialen Gruppen. „Im Gegensatz zu Gefühlen von Individuen […] ermöglichen es kollektive Emotionen einzelnen Personen ihre seelischen Befindlichkeiten in gegenseitige Beziehungen zu setzen“. (Winter, S. 89)

Selbstüberschätzung als wichtiges Resultat der Evolution

In einem Kapitel widmet sich Professor Winter dem Thema Selbstüberschätzung. Diese Form der kognitiven Verzerrung sei nicht angeboren, sondern erlernt. In Zeiten von Unsicherheit müssen wir die Erfolgschancen möglicher Entscheidungsfolgen einschätzen können. Im Laufe des Lebens gewinnen wir Erfahrungen, was funktionieren könnte und was eher nicht. Wir lernen, uns selbst einzuschätzen. Dementsprechend passen wir unser Verhalten an.

In Bereichen wie dem Finanzmarkt kann das allerdings nicht selten dazu führen, dass Situationen falsch eingeschätzt werden. Die Bewegungen am Finanzmarkt beruhen in der Regel nicht auf vorherigen Erfahrungswerten, sondern häufig auf nicht sofort sichtbaren Ereignissen oder Daten. Einige Marktteilnehmer gehen aber davon aus, dass sie aufgrund ihrer langjährigen Tätigkeit oder Prognosemethoden die Bewegungen an den Märkten vorhersehen können und handeln entsprechend.

Studie: Selbstüberschätzung führt zu Börsenverlusten

Winter beschreibt anhand einer Studie der University of California aus dem Jahr 2000 das Phänomen Selbstüberschätzung an Finanzmärkten und dessen Folgen. In einem Zeitraum von mehreren Jahren haben Forscher Handelstransaktionen von Börsenanlegern beobachtet. Hauptaugenmerk lag dabei auf die Entscheidungen, die Investoren treffen, wenn sie eine Aktie A verkaufen und mit dem Erlös eine Aktie B zum gleichen Preis kaufen.

Logischerweise tun sie das nur, wenn sie eine bessere Entwicklung der Aktie B im Vergleich zu Aktie A erwarten. Die Studie ergab jedoch, dass solche Transaktionen im Durchschnitt einen Verlust von drei Prozent zur Folge hatten. „Bedenkt man die Transaktionsgebühren und andere Zuschläge, waren die Gesamtkosten sogar noch höher.“, ergänzt Winter. (Winter, S. 182)

Die Schlussfolgerung aus der Untersuchung war nach Angaben von Professor Winter, dass Selbstüberschätzung der Investoren zu mehr Börsenhandel mit nachfolgend schlechterer Portfolio-Entwicklung führte.

Der Nutzen von Selbstüberschätzung

Wenn Selbstüberschätzung offensichtlich schädlich ist, warum hat die Evolution dann nicht dafür gesorgt, dass wir uns besser davor schützen? Weil diese Form von kognitiver Verzerrung mehrere wichtige Vorteile mit sich bringe, meint Winter. Er vergleicht Selbstüberschätzung mit dem imposanten Gefieder eines Pfauenmännchens. Demnach bedeute Selbstüberschätzung unter anderem einen höheren „Marktwert“ in vielen sozialen Interaktionen – insbesondere bei der wichtigsten sozialen Interaktion: Fortpflanzung.

Einige kognitive Verzerrungen und Heuristiken, die Winter in seinem Buch untersucht, sind bereits seit Längerem bekannt und von einer Vielzahl von Wissenschaftlern erklärt worden. Winter macht aber noch einmal deutlich, warum es bei der Entscheidungsfindung dennoch einfacher ist, den Emotionen zu folgen und wie wir uns das zunutze machen können.

*Die Rezension bezieht sich auf die englischsprachige Ausgabe

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