Behavioral Finance: Wann es nützt und wann nicht

Derzeit werden Behavioral-Finance-Ansätze für nahezu alle sozialen und wirtschaftlichen Phänomene als Erklärung herangezogen. Es gilt, zu Recht, als fortschrittlich, sich von der Vorstellung des rationalen Homo Oeconomicus als Finanzmarkt-Teilnehmer zu distanzieren. Dennoch kann diese Wissenschaft nicht überall angewandt werden. Manchmal reagieren gerade Investoren rationaler als angenommen.

Behavioral Finance (Behavioral Economics) findet gerade im Finanzbereich immer mehr Gehör. Schließlich geht es dabei unter anderem um unbewusste Entscheidungsprozesse, die im menschlichen Gehirn ablaufen. Emotionen spielen dabei eine größere Rolle als gerade am Finanzmarkt erwartet, wie Wissenschaftler bereits vor Jahrzehnten festgestellt haben.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass eine Analyse von Anlegerverhalten mit Hilfe von Techniken der Verhaltensforschung durchaus sinnvoll ist. Vor wenigen Jahren habe ich für einen Frankfurter Finanzdienstleister den TecDAX-Sentimentbericht für die Deutsche Börse verfasst. Der Technologie-Index ist im Vergleich zum Deutschen Aktienindex DAX zwar deutlich kleiner – meiner Meinung nach jedoch viel interessanter.

Kaum ein anderes Börsenbarometer spiegelt im Verhalten seiner privaten und institutionellen Investoren Direkteinflüsse von Nachrichten aus der deutschen Politik und Wirtschaft wider. Die vorwiegend ausländischen DAX-Investoren ticken da ganz anders.

Das zeigte sich beispielsweise im Frühjahr 2011. Damals nahmen im Zuge einer Naturkatastrophe Emotionen in der öffentlichen Wahrnehmung überhand.

Der Kunde will es – der Kunde kriegt es

Ende März 2011 dürfte den TecDAX-Anlegern klar gewesen sein, dass im Geschäft mit erneuerbarer Energie nicht mehr viel zu holen war. Der einst blühende Solarsektor war am Boden, die Technologien zur Nutzung von Windkraft noch nicht ausgereift. Kein Wunder, dass die entsprechenden Aktien kaum Abnehmer fanden.

Dennoch erlebten die Papiere von Unternehmen aus dem Alternative-Energien-Bereich so etwas wie einen zweiten Frühling. Was war geschehen? Am 11. März hatte ein Tsunami ein Atomkraftwerk im japanischen Fukushima schwer beschädigt und dadurch eine Havarie ausgelöst. Weltweit stand das Risiko der Nutzung von Kernenergie plötzlich im Fokus.

Nicht nur die Arbeiter des Kraftwerks wurden radioaktiv verstrahlt, auch Helfer wurden in Mitleidenschaft gezogen. Das Umland wurde teilweise unbewohnbar und auch das Meer verseucht. Alle waren sich einig: Der Umstieg auf erneuerbare Energiequellen ist unerlässlich.

Verstärkt wurde der neue Hype in Deutschland durch die Landtagswahlen in Baden-Württemberg am 27. März 2011. Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik wurde mit Winfried Kretschmann ein grüner Ministerpräsident gewählt. Die sogenannte Energiewende der Bundesregierung sorgte bei einigen Investoren für zusätzliche Begeisterung.

Die institutionellen TecDAX-Anleger reagierten sofort – wenn auch eher von den eigenen Kunden gedrängt als aus Überzeugung: Sie kauften Aktien des Alternative-Energien-Bereichs. Die positive Stimmung und die damit verbundenen Zukäufe hielten allerdings nur kurze Zeit an. Denn die Nachrichtenlage konnte letzten Endes nicht darüber hinwegtäuschen, wie schlecht die Unternehmen dieses Sektors dennoch aufgestellt waren. Rational betrachtet, machte ein Einstieg für die Investoren einfach keinen Sinn. Sie hatten lediglich die emotionalen Bedürfnisse ihrer Kunden befriedigen wollen. Um mögliche Verluste von vornherein einzuschränken, wurde nur relativ wenig zugekauft und nach einigen Tagen wieder verkauft.

Finanzmärkte sind nicht die Weltwirtschaft

Behavioral-Finance-Methoden können in einem so überschaubaren Bereich wie dem Technologiesektor durchaus sinnvoll eingesetzt werden. Wer allerdings versucht diese auf die Weltkonjunktur anzuwenden, wird sich früher oder später verlaufen. Die Mechanismen dort sind viel zu komplex, um sie auf das Verhalten Einzelner oder einer Gruppe von Individuen zurückzuführen. Außerdem sollte man die Finanzmärkte nicht mit der globalen Weltwirtschaft verwechseln. Das ist leider immer noch viel zu häufig der Fall. Behavioral Finance befasst sich unter anderem mit unbewusst ablaufenden Denkfehlern einzelner oder einer Gruppe von Individuen. Die Wissenschaft bedient sich dabei auch neuester Erkenntnisse der Gehirnforschung.

Die Mechanismen, die sich bei der Entscheidungsfindung im Kopf abspielen, sind noch nicht eindeutig geklärt. Allerdings herrscht in einigen Bereichen deutlich mehr Klarheit als noch vor einigen Jahrzehnten. Es ist deshalb ratsam, einen bestimmten Aspekt im wirtschaftlichen oder Finanzumfeld aufzugreifen und ihn mit Behavioral-Economics-Methoden zu analysieren.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.