Reziprozität: Warum Kollegen ungern helfen

Das Prinzip der Gegenseitigkeit – in der Soziologie auch Reziprozität genannt – zählt zu den Grundprinzipien des menschlichen Handelns. Es bedeutet im Grunde: Ich helfe dir und du hilfst mir. Doch gerade am Arbeitsplatz funktioniert dieses Prinzip nicht, wie wissenschaftliche Studien beweisen.

Jeder kennt das: Wenn es darauf ankommt, sind die Kollegen nie so hilfsbereit, wie man es gebrauchen könnte. Sie haben plötzlich selbst Termine und müssen ganz schnell weg. Offensichtlich ist das nicht einfach nur ein persönlicher Eindruck.

Neue Studien belegen, dass die meisten Menschen tatsächlich weniger Hilfsbereitschaft an den Tag legen, wenn sie sich im Arbeitsumfeld aufhalten. Im privaten Bereich ist es dagegen nahezu selbstverständlich, seine Unterstützung anzubieten. Schließlich erhoffen sich die meisten, dadurch früher oder später eine Gegenleistung zu bekommen. (Reziprozität)

Forscher der US-amerikanischen Stanford Graduate School of Business haben dazu fünf Studien durchgeführt. Sollten die Probanden einem Kollegen oder Freund von der Arbeitsstelle einen Gefallen tun, waren sie deutlich weniger dazu bereit als bei Freunden aus dem privaten Umfeld.

Die Erklärung der Wissenschaftler ist scheint so einfach wie plausibel: Es ist den Angestellten einfach klar, dass sie für ihre Hilfe keine Gegenleistung vom Arbeitgeber erhalten, geschweige denn der zusätzliche Arbeitseinsatz überhaupt gewürdigt wird.

Die Problematik ist sogar noch tiefgründiger: Frühere Untersuchungen haben gezeigt, dass allein Büroräume bereits Auslöser für eine berechnende und strategische Geisteshaltung bei Angestellten sind. Bei Betreten der Arbeitsstelle werden also Verhaltensweisen wie Reziprozität, die in jedem anderen sozialen Umfeld als wichtig und lebensnotwendig empfunden werden, einfach abgelegt.

Nach Angaben von Jeffrey Pfeffer, einer der Studienautoren, gehen Arbeitnehmer davon aus, ihre Kollegen würden nur helfen, weil es ihr Job sei. Wissenschaftlich erwiesen ist dagegen, dass Individuen vor allem dann eine Gegenleistung erbringen, wenn sie das Gefühl haben, die vorher angebotene Hilfe basiere auf Freiwilligkeit und nicht auf Verpflichtung.

Ein Gedanke zu „Reziprozität: Warum Kollegen ungern helfen“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.